Wie starben die Menschen? Todesarten in Velten 1942 bis 1945 und ihre Einordnung
Das Sterbebuch des Standesamts Velten nennt für die Jahre 1942 bis April 1945 zu jedem Eintrag eine Todesart. Diese Seite erklärt, was die Angaben bedeuten, was sich daraus über die Lebensbedingungen der Zwangsarbeitenden schließen lässt und wo die Quellen enden. Sie nennt keine Namen. Die Namen stehen in der Kartenansicht.
Die Sterbelisten
Für fünf Anschriften mit mehreren Todesfällen gibt es eine Sterbeliste mit Sterbetag, Alter und Todesart. Die Anschrift stammt aus dem Eintrag und ist kein Beleg für den Betrieb.
| Anschrift laut Sterbebuch | Eintrag auf der Karte | Verstorbene | davon Kinder unter 14 |
|---|---|---|---|
| Kanalstraße (Bergmann-Gelände) | V07 Theodor Bergmann & Co., Werk Velten | 21 | 8 |
| Berliner Straße 13/14 | V05 Zwangsarbeiterinnenlager der Veltener-Maschinenbau-Ikaria-Werke | 13 | 3 |
| Friedrichstraße 59 bis 63 | V25 Unterkunft Friedrichstraße 59 bis 63 | 12 | 7 |
| Breite Straße | V13 Unterkünfte an der Breiten Straße | 5 | 4 |
| Berliner Straße 8 | V04 Havelschmelzwerk | 5 | 0 |
| zusammen | 56 | 22 |
Dazu kommen zwei Totgeburten (an der Kanalstraße und der Berliner Straße 13/14), die ohne Namen geführt werden. Die Zählung aller Anschriften steht bei V14 Wo die Verstorbenen untergebracht waren. Die 75 Namen der Gräberliste von 1949 stehen bei V15 Friedhof Velten. Die Namen zu den Sterbelisten stehen jeweils in der Kartenansicht.
Die Todesarten im Überblick
| Todesart laut Eintrag | alle (56) | Kinder unter 14 (22) | Erwachsene (34) |
|---|---|---|---|
| Lunge (Tuberkulose, Lungenentzündung) | 22 | 12 | 10 |
| Herz und Kreislauf | 22 | 6 | 16 |
| Magen, Darm, Ernährung | 4 | 2 | 2 |
| Alkoholvergiftung | 3 | 0 | 3 |
| Unfall, Gewalt, Suizid | 3 | 0 | 3 |
| nicht angegeben | 2 | 2 | 0 |
Unter «Lunge» stehen 11 Fälle von Lungentuberkulose und 11 von Lungenentzündung. Bei den Erwachsenen sind es 9 Fälle von Tuberkulose. Die Gruppen sind eine grobe Sortierung der Bezeichnungen im Register.
Was ein Eintrag im Sterbebuch bedeutet
Der Standesbeamte trug die Todesart ein. Ob jede Eintragung auf einer ärztlichen Untersuchung beruht, ist für Velten nicht belegt. Die Bezeichnungen sind die der Zeit (zum Beispiel «Herzklappenfehler», «Herzschwäche», «Kreislaufschwäche») und lassen sich ohne ärztliche Unterlagen nicht sicher deuten.
Lebensbedingungen
Die Todesfälle betreffen Menschen, die als Zwangsarbeitende in Lagern und Sammelunterkünften lebten. Für Lager im Deutschen Reich beschreibt die Stadt Münster Hunger, eine einseitige Verpflegung, Massenquartiere mit unzureichenden Toiletten und Waschmöglichkeiten, kaum medizinische Versorgung und den Ausschluss der «Ostarbeiter» vom Krankenversicherungsschutz. Nach Christine Glauning lagen die Rationen der Sowjetbürger am Existenzminimum und wurden erst im August 1944 an die anderer Kriegsgefangener angehoben; Überlebende berichten, dass Verbesserungen teils auf dem Papier blieben.
In Velten sah die Baubeschreibung vom 5.2.1944 für bis zu 486 Frauen neun Wohnbaracken mit je 54 Ostarbeiterinnen und einen Abort mit 20 Toiletten vor (V05). Aus diesen Angaben folgt keine Ursache im Einzelfall. Sie beschreiben die Umstände, unter denen die Menschen lebten.
Lunge und Tuberkulose
Nach Glauning war Tuberkulose die häufigste Todesursache der «Ostarbeiter» im Reich und ging auf Unterernährung und Überlastung zurück; im August 1943 wurde sie bei 48 Prozent der Verstorbenen angegeben (nach Spoerer, 2001). Julia Born beschreibt in ihrer Dissertation (Universität Ulm, 2017) für Zwangsarbeiter eine sehr hohe Tuberkulose-Durchseuchung durch schlechte Hygiene, Nahrungsmangel und überfüllte Lager. Ein Vergleich mit Velten ist nur grob möglich: Unter den 34 verstorbenen Erwachsenen der fünf Anschriften steht 9-mal Tuberkulose, also etwa bei jedem Vierten. Die Veltener Zahlen sind eine kleine Auswahl, und das Standesamt benutzte seine eigenen Bezeichnungen.
Die Kinder
22 der 56 Verstorbenen waren Kinder unter 14 Jahren, 18 davon Säuglinge bis zu einem Jahr. Bei den Kindern steht am häufigsten Lungenentzündung (12 von 22). Nach dem Stand der Forschung wurden Kinder von Zwangsarbeiterinnen im Reich oft kurz nach der Geburt von den Müttern getrennt und in «Ausländerkinder-Pflegestätten» untergebracht; es gab rund 300 solcher Einrichtungen. Aus den bekannten Heimen liegen Sterberaten zwischen etwa 20 und über 90 Prozent vor, reichsweit starben mindestens 50.000 Kinder. Als Ursachen werden vor allem Unterernährung, Hunger und mangelnde Hygiene genannt, in einem Heim eine Durchfallepidemie. Glauning nennt für Juni 1944 die Zahl von 75.000 «Ostarbeiterkindern», von denen die Mehrzahl den Krieg nicht überlebte.
Ob die Veltener Kinder in einer solchen Einrichtung lebten, geht aus dem Sterbebuch nicht hervor. Sie stehen dort mit der Anschrift eines Lagers oder einer Unterkunft.
Alkohol, Unfall, Gewalt, Suizid
Drei Fälle gelten im Register als Alkoholvergiftung (zwei am 24.10.1944, einer am 7.4.1945). Zu Umständen und Herkunft des Alkohols gibt es keine Quelle, deshalb wird nichts gedeutet. Drei weitere Fälle sind Unfall, Gewalt oder Suizid: ein Ertrinken beim Baden im Industriekanal (22.8.1944), eine Selbsttötung (5.8.1942) und eine Bombensplitterverletzung (19.3.1945). Zwei Männer, die am 7.11.1944 am Tonberg hingerichtet wurden, stehen ohne Ursache im Sterbebuch (V19); sie gehören nicht zu den 56.
Der größere Zusammenhang
Für das Reichsgebiet schätzt Polian die Zahl der gestorbenen Sowjetbürger bis Mitte 1944 auf etwa 50.000, Mark Spoerer nennt in seiner Monografie von 2001 etwa 170.000 Todesfälle; Glauning hält auch das angesichts der Lebensbedingungen eher für zu niedrig. Schwerkranke und arbeitsunfähige Zwangsarbeiter kamen gegen Kriegsende in «Ausländerkrankenhäuser» und «Krankensammellager» mit sehr hoher Sterblichkeit; im Ausländerkrankenhaus Mahlow bei Berlin wurden von August 1942 bis Kriegsende rund 1.457 Todesfälle registriert, 86 Prozent der Verstorbenen stammten aus der Sowjetunion. Ob Kranke aus Velten dorthin kamen, ist nicht belegt.
Grenzen
- Die Auswertung umfasst eine Auswahl der Einträge. Die Gräberliste von 1949 nennt 75 Fälle von 1940 bis 1945, einzelne Todesfälle fehlen also.
- Kriegsgefangene und Kinder ohne Todesvermerk in anderen Registern sind nicht vollständig erfasst. Das Geburtenregister bleibt wegen der Schutzfrist unberücksichtigt.
- Der Zusammenhang zwischen Lebensbedingungen und einzelnen Todesfällen ist aus dem Register nicht belegbar.
- Für Herz- und Kreislaufleiden sowie für die Alkoholvergiftungen liegt keine fachliche Einordnung vor.
Hinweise, Korrekturen und Wünsche von Angehörigen bitte an info@einekachelfehlt.de.
Quellen und Literatur
Sterbebuch des Standesamts Velten 1942 bis 1945 (Abschrift im Ordner Geschichtsprojekt der Ev. Kirchengemeinde Velten 2004, gegengelesen, eigene Auszählung). Baubeschreibung vom 5.2.1944 siehe V05.
- Christine Glauning, «Ostarbeiter» im Deutschen Reich, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin: PDF. Sie zitiert unter anderem Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz (2001), Ulrich Herbert, Fremdarbeiter (1999), Bernd Bonwetsch (1993) und Bernhild Vögel, Entbindungsheim für Ostarbeiterinnen (1989).
- Stadt Münster, «Alltag und Arbeit»: stadt-muenster.de.
- «Ausländerkinder-Pflegestätten». Säuglingsheime als Sterbeorte im Nationalsozialismus, Lernen aus der Geschichte: Beitrag. Er verweist unter anderem auf Marcel Brüntrup, Zwischen Arbeitseinsatz und Rassenpolitik (Göttingen 2024), und Gisela Schwarze, Kinder, die nicht zählten (Essen 1997).
- Lammer, «Kinderheime», Jägerstätter-Institut der Katholischen Privat-Universität Linz: PDF.
- Julia Nadjenka Born, Polnische und sowjetische Patienten in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren in den Jahren 1944 und 1945, Dissertation Universität Ulm 2017: PDF.
Die genannten Bücher und Aufsätze wurden nicht selbst eingesehen, sondern nach den verlinkten Texten zitiert. Zahlen und Schätzungen sind die der jeweiligen Autorinnen und Autoren.